Dieser Band eröffnet eine völlig neue Sicht auf die so genannte Notre-Dame-Musik und ihre ersten Auswirkungen und somit auf die eigentlichen Grundlagen der komponierten abendlĂ€ndischen Musik. Der Ausgangspunkt dieser Studie ist die klassische, etwa ein Jahrhundert alte Darstellung von Friedrich Ludwig, die im Wesentlichen noch die heutigen Vorstellungen prĂ€gt. Die Persönlichkeiten Leoninus und Perotinus werden zwar nach wie vor als zentral angesehen, jedoch nicht mehr bedingungslos dem 12. Jahrhundert zugeordnet, sondern aufgrund neuester biographischer Anhaltspunkte und Erkenntnisse stĂ€rker von einander abgesetzt. Sie werden als ReprĂ€sentanten deutlich unterschiedlicher Entwicklungsstadien der Mehrstimmigkeit verstanden: des hochmelismatischen und noch stark von Improvisationspraktiken geprĂ€gten zweistimmigen Organums einerseits und des bis zur Vierstimmigkeit fortschreitenden neuen Discantussatzes andererseits. Dazwischen liegt einer der wesentlichsten Paradigmenwechsel der abendlĂ€ndischen Musik ĂŒberhaupt: Das neue Konzept des so genannt modalen Rhythmus, der bis heute die Grundlage der westlichen Betonungs- und LĂ€ngenverhĂ€ltnisse bildet. Einerseits werden dafĂŒr neue Notierungsformen geschaffen, andererseits werden erst auf dieser Basis mehr als nur zweistimmige Kompositionen möglich.
...
Read Full Text